Warum sterben so viele Brachvogelküken? Einblicke aus der Telemetrie-Forschung mit dem Michael-Otto-Institut im NABU
Der Brachvogel gehört zu den am stärksten bedrohten Wiesenbrütern Mitteleuropas. Seine Bestände gehen seit Jahren dramatisch zurück – vor allem, weil zu wenige Jungvögel das Erwachsenenalter erreichen.
Maßnahmen wie der Schutz von Gelegen vor landwirtschaftlichen Eingriffen und der Einsatz von Elektrozäunen gegen Fressfeinde zeigen zwar Erfolge beim Schlupf – doch damit ist das Problem oft noch nicht gelöst:
Warum sterben trotz erfolgreichem Schlupf weiterhin so viele Küken?
Dem Rätsel auf der Spur: Das Dauertelemetrie-Projekt in Norddeutschland
Um verschiedene Schutzmassnahmen zu evaluieren und die Ursachen für den geringen Reproduktionserfolg zu verstehen hat das Michael-Otto-Institut im NABU in der Eider-Treene-Sorge-Niederung in den Jahren 2024 und 2025 ein Forschungsprojekt durchgeführt. Dabei diesem wurden insgesamt 65 Brachvogelküken mit Sendern ausgestattet, um ihr Schicksal lückenlos nachzuvollziehen.
Die automatische Radiotelemetrie mit unserem vhf:tracker hat dabei ermöglicht die Tiere von ihrem Schlupf bis zu ihrem Flügge werden, oder ihrem vorzeitigen versterben zu verfolgen. Durch sekündliche Datenpunkte über Raumbewegungen und Verhalten konnten die ersten Flugversuche auf die Minute genau und in Echtzeit von zuhause nachvollzogen werden. Viel zu oft wurde mit der Methode aber leider der genaue Todeszeitpunkt und die Todesursache bestimmt.
Mit Systemen wie dem vhf:tracker lässt sich die Nachverfolgung automatisieren und zeitlich deutlich verdichten:
– Kontinuierliche Erfassung: Bewegungen und Positionen der besenderten Tiere werden fortlaufend erfasst. Dadurch lassen sich beispielsweise erste Flugbewegungen, das Ausbleiben weiterer Aktivität oder mögliche Todeszeitpunkte zeitlich genau eingrenzen.
– Geringerer Einfluss der Beobachtung: Die stationären Empfangseinheiten erfassen die Tiere ohne wiederholte Anwesenheit von Personen im Untersuchungsgebiet.
– Gezielte Kontrollen im Gelände: Aktuelle Positions- und Empfangsdaten können aus der Ferne eingesehen werden. Feldkontrollen und die Suche nach vermissten oder verendeten Tieren lassen sich dadurch gezielter durchführen.
– Detaillierte Datengrundlage: Die Kombination aus hoher zeitlicher Auflösung und Positionsdaten ermöglicht es, Raumnutzung, Entwicklungsverlauf und Verlustereignisse einzelner Tiere nachzuvollziehen und Schutzmaßnahmen auf dieser Grundlage zu bewerten.
Die Ergebnisse
Die Untersuchungsergebnisse zeichnen ein ernüchterndes Bild:
– 35 % der Küken wurden von Raubsäugern (wie z. B. Füchsen) erbeutet.
– 18 % fielen Greifvögeln zum Opfer.
– Ein weiteres Küken verstarb in einem Entwässerungsgraben.
– Nur 12 % der besenderten Küken überlebten bis zum Flüggewerden (je nach Untersuchungsgebiet und Jahr lag die Überlebenswahrscheinlichkeit lediglich zwischen 0 und 27 %).
Für rund 60 % der Tiere konnte die Todesursache durch die präzise Überwachung eindeutig bestimmt werden. Doch auch bei den verbleibenden Verlusten lieferten die Telemetrie-Stationen entscheidende Hinweise: Da 63 % dieser Küken während der Nacht oder in der Dämmerung verschwanden, liegt nahe, dass auch hier überwiegend nächtliche Raubsäuger verantwortlich waren.
Gemeinsam für evidenzbasierten Artenschutz
Hinter diesen Daten steht eine aufwendige Feldarbeit, die auch mit schwierigen Situationen verbunden ist. Natalie Busch und Helgard Lembke haben das Projekt am Michael-Otto-Institut im NABU durchgeführt, verantwortet und dabei die Entwicklung der besenderten Küken über zwei Jahre intensiv begleitet – einschließlich zahlreicher frühzeitiger Verluste. Diese Arbeit verdient großen Respekt.
Sie liefert wichtige Erkenntnisse darüber, wann und unter welchen Umständen Jungvögel verloren gehen und schafft damit eine bessere Grundlage, um Schutzmaßnahmen für den Brachvogel gezielt weiterzuentwickeln.
Falls Sie mehr Informationen über das Projekt haben möchten, schauen Sie gerne auf der Seite des Michael-Otto-Instituts vorbei. Dort wird auch zeitnah der Telemetriebericht veröffentlicht.
Das Projekt im Fernsehen: NDR Doku „die nordstory“
Möchten Sie sich selbst ein Bild von der Arbeit der Forscherinnen und Forscher vor Ort machen? In der NDR-Reportage „die nordstory: Hoffnung für den Brachvogel – Bauer und Biologin im Rettungseinsatz“ wird gezeigt, wie Naturschutz und Landwirtschaft in der Eider-Treene-Sorge-Niederung Hand in Hand arbeiten. Der Beitrag begleitet das Team ins Feld und vermittelt eindrucksvolle Einblicke in die Herausforderungen im Wiesenbrüterschutz. In der ARD Mediathek kann der Beitrag angeschaut werden.
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